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Angefahren: Renault Clio R.S. ist ein Tracktool mit Alltagsschwächen

25. Februar 2015
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Auch wenn beim ersten Anblick der langlebig bekannte Purismus der französischen R.S.-Riege nicht allzu sehr durchsticht, so wird dieser prägende Charakter binnen weniger Ausfahrten doch schnell wieder bestätigt. Dennoch lies man sich beim aktuellen Renault Clio R.S. nicht die Option auf zeitgemäßen Komfortzuwachs nehmen, neuerdings werden dem Giftzwerg das neue EDC-Doppelkupplungsgetriebe sowie zwei weitere Türen für die Fondpassagiere auferlegt. Den Fahrspaß trübt die Konzernentscheidung glücklicherweise nicht, soviel konnten wir während der zweiwöchigen Liaison festmachen.

Aktueller Renault Clio R.S. mit 200 PS

Hat in vierter Generation ordentliche Proportionen bekommen: Der Renault Clio R.S. mit EDC.

Technische Raffinesse im Vordergrund?

Geliefert, gecheckt, gefreut. An einem sonnigen Freitagvormittag (keineswegs üblich für den Winter im Münsterland) erreichte uns der französische Spielgefährte: Wuchtige Proportionen, breit angelegte Öffnungen in der Frontpartie und eine schmucke Dezir-Rot-Lackierung. Trotz markanter Heckschürze samt Diffusoreinsatz und Trapezendrohren überkam uns das Gefühl, dass der Renault Clio R.S. mehr und mehr zum Allrounder mutiert ist.

Das Tracktool der Kleinwagen- bis Kompaktklasse kann ein Fünftürer-Kleid zwar tragen, sein muss das allerdings nicht. Dennoch: Das Cup-Fahrwerk bringt den gereiften Zwerg dezent aber gelungen tiefer, die 18-Zoll-Anthraziträder schmiegen sich farblich wie größentechnisch wunderbar in die Radhäuser. Irgendwie fehlen aber doch die Xenonlichter, da macht auch der sogenannte Purismus für uns keine Ausnahme – nur leichte Abzüge in der B-Note weil die LED-Lichtbänder uns so schön anlächeln.

Hinterteil des Renault Clio R.S.

Man sieht ihn auch gerne mal von hinten: Die Heckpartie des Renault Clio R.S. hat einfach was.

Der Einstieg gelingt sogar Menschen über der 1,90 Meter-Marke nahezu mühelos, die R.S.-Sportsitze lassen unverzüglich ein sportives Wohlbefinden aufkommen. Der Griff ans ergonomisch ausgeformte Sportlenkrad ist unweit der Sitzposition, Schaltwippen und sonstiges Knopfwerk sind ebenfalls bestens zu erreichen. Etwas ungewohnt erscheint dagegen der Gegenspieler der Paddles: Ein neues 6-Stufen-Automatikgetriebe – im Renault Clio R.S.?

Nein, der Hersteller hat sich mit dem R.S.-Wappen im Kühlergrill nicht vergriffen. Seit der vierten Generation zählt das neue Doppelkupplungsgetriebe namens EDC (efficient double clutch) zur technischen Raffinesse und ist obligatorisch mit an Board. Das bedeutet zwar wiederum Abstriche im puristischen Renault Sport-Charakter, dafür muss man jetzt keine Hand mehr vom Steuer nehmen. Und wie sieht’s dann mit dem Fahrspaß aus?

Über Land ist's im Renault Clio R.S. immer noch am schönsten

Der Renault Clio R.S. gehört prinzipiell auf den Track oder wild gewachsene Landstraßen.

Mehr Landräuber als Topspeedrakete

Der Innenraum wirkt zwar aufgeräumt (ganz wie es sich für einen Renault Clio R.S. gehört), ein reinrassiger Sportler sieht aber irgendwie doch anders aus. Den Start-Stopp-Button verzeiht man der Keyless-Go-Moderne gern, das R-Link-System ist geduldet aber eine zu große Ablenkung für den Straßenjäger. Fuß auf die Bremse, Knopfdruck und schon springt der Zündfunke über. Die erste Überraschung, abgesehen von der ausschlagenden Drehzahlnadel: Der Franzose faucht seine Fahrer von hinten ordentlich an, Außenstehende dagegen hören lediglich ein schmächtiges Vierzylinder-Gebrummel.

Ein Hoch auf die künstliche Soundpipe? Nicht sonderlich authentisch, aber den Fahrspaß trübt sie zumindest nicht. Sanft dröhnt das 1.6-Liter-Turbotriebwerk somit vor sich hin, als wir uns geschmeidig aus dem Stadtgebiet kämpfen. Die Automatik hält, was sie verspricht: Kaum spürbare Gangwechsel in 290 Millisekunden und eine intelligente Kennfeldsteuerung für die Schaltzeitpunkte. Dank unserer Vorkoster liegen die nicht unter 3.000 U/Min – Challenge accepted!

Aufgeladener Vierzylinder-Motor des Renault Clio R.S.

Das wichtige Herzstück: Dank Turbolader kommt der 1.6-Liter-Vierzylinder auf 200 Pferde.

Irgendwie fehlt uns hier ein zusätzlicher Efficient-Fahrmodus im Renault Clio R.S., um zwischen Effizienz und Dynamik eine noch längere Brücke zu schlagen. Doch die Anpassung an das durchschnittliche Fahrverhalten stellt sich auch im Normal-Modus nach ein paar Tagen von selbst ein. Für die Drehzahlarbeit begeben wir uns lieber auf eine genüssliche Ausfahrt über die A44. Und wo ein Beschleunigungsstreifen schon zum Flitzen einlädt, lässt sich der Clio natürlich nicht lumpen. Mit dem letzten Widerstand des Gaspedals geht es nochmal runter in den zweiten Gang und auf Treibjagd für die Drehzahlen.

Erst wenn die Maximalleistung von 200 PS auf Höhe der 6.000 Touren erreicht wurde, legt das EDC die nächste Stufe ein. Im Galopp wird bei etwa Tempo 160 auf die rechte Spur eingeschehrt – und dort erfährt die Kurve der Fahrfreude auch ihren Höhepunkt. Der ungebremste Vortrieb reicht zwar locker über die 200 Km/h-Marke hinaus, ein mickriger Hubraum muss sich aber trotz großem Turbo spürbar quälen. Zudem lässt der Fahrkomfort durch zunehmende Windanfälligkeit deutlich nach, eben doch kein Langstreckenmobil.

Video: Der Renault Clio R.S. im Testbericht

Der Renault Clio R.S. und die Kurvenhatz

Man kann aber nicht sagen, dass der Renault Clio R.S. nicht doch ein guter Urlaubsbegleiter sei. Wer fünf Kisten Bier in seinen Gefilden unterbringen kann, taugt auch für etwas mehr Reisegepäck. Dennoch: Der kurze Radstand in Verbindung mit einem bissigen Antritt und relativ geringem Gewicht vermasseln ihm auf der Autobahn dennoch die (komfortable) Show, während ein BMW 530xd Touring gemütlich mit Tempo 220 links vorbeizieht. Doch kein Grund zur Traurigkeit: Die nächste Ausfahrt kommt bestimmt – und die führt ins ostwestfälische Hinterland.

Hier findet der Renault Clio R.S. erst artgerechte Herausforderungen, denen er gewachsen ist. Schmale Straßen und scharfe Kurven, Steigung und Gefälle, physikalische Grenzen und natürlich automobile Beute. Dabei darf ein Mitspieler natürlich nicht fehlen: Der R.S.-Button erfordert zwar einen abgeschalteten Tempomaten, dafür widmen Gaspedal, Lenkung und Getriebe ihre volle Aufmerksamkeit dem sportiven Fahrstil – wahlweise im Sport- oder Race-Modus (letzteres ohne ESP).

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Das kleine Turboherzstück bleibt im R.S.-Drive stets im durchzugsstarken Drehzahlbereich, was den Antritt nach der 180°-Schikane vorzüglich gelingen lässt. Die 320-Millimeter-Scheiben packen im Steilflug vor der nächsten Serpentine ebenso kraftvoll zu wie sie im Stadtverkehr geschmeidig bleiben. Die Lenkung agiert nahezu perfekt gestrafft, bei feuchtem Asphalt macht sich gezwungenermaßen etwas Spiel bemerkbar.

Sonst führt uns die 215er-Cup-Bereifung von Grip erfüllt sicher und zügig durch die Hügellandschaft, das ESP-System hält sich im R.S.-Sport-Modus zurück aber verhindert im Zweifelsfall schlimmeres. Zudem bringt der Renault Clio R.S. seine 250 Nm erstaunlich schlupffrei auf die Vorderräder, nicht zuletzt dank der serienmäßig verbauten Differenzialsperre und dem stramm abgestimmten Cup-Fahrwerk (was einen verhältnismäßig guten Restkomfort bietet).

Sportlenkrad im Renault Clio R.S.

Das Lenkrad des Renault Clio R.S. ist ergonomisch geformt und äußerst griffig.

Wem die Sporteinstellung noch nicht puristisch genug ausfällt, kann das EDC auf manuell umlegen und die Schaltwippen zur Hilfe nehmen. Die Reaktionszeit der Elektronik lässt zwar weiterhin etwas zu wünschen übrig, der geübte Renault Clio R.S.-Fahrer weiß aber sicher damit umzugehen. Etwas forsch bleibt die Kennlinie des neuen Getriebes jedoch: Wie sehr man sich auch um eine manuelle Gewalt der Gangwechsel bemüht, im Zweifelsfall setzt in der Kick-Down-Pedalstellung wie von Geisterhand der nächsttiefere Gang ein.

Der Zugewinn im Sprint bleibt durch den (wenn auch kurzen) Zeitverlust beim Gangwechsel gefühltermaßen aus, der Gasfuß sollte somit feinfühlig arbeiten. Doch wie sich das Doppelkupplungssystem auch entscheidet: Das auf Landstraßen umherirrende Beuteschema des Renault Clio R.S. wird dadurch nicht minder attraktiv – und ahnungslose Passat-Fahrer sehen den Dezir-roten Jäger umso häufiger am Horizont verschwinden.

Das straffe Cup-Fahrwerk ist ein Garant für Fahrspaß

Mit optionalem Cup-Fahrwerk liegt der Renault Clio R.S. nochmal fünf Millimeter tiefer.

Entertainment mit Potenzial nach oben

Wirklich leicht macht es der Renault Clio R.S. einem nicht, permanent steht man zwischen den zwei Stühlen von Tracktool-Performance und sanfter Alltagsmaschine. Seine bissige Art vertritt er vornehmlich auf kurvigen Landstraßen, wo sein Cup-Federwerk auch nervige Buckelpisten zu kompensieren weiß und die Gänge zwei bis vier über das komplette Drehzahlband gekitzelt werden möchten. Sieht man von den technischen Raffinessen aber einmal ab, kann er auch sanftmütig dahinschleichen:

Die geschmeidige Automatik agiert auf Wunsch zurückhaltend, das Design begeistert sogar die Frauenwelt und im R-Link-Entertainment kann man neben einem R.S.-Monitor für Schlupf, Drehmoment und Rundenzeiten auch Musik und Navigation genießen. Die Bedienung ist intuitiv ausgerichtet, das große Display dezent zum Fahrersitz geneigt. Qualitativ zeigen sich hier aber leider deutliche Einbußen, die uns nicht selten gestört haben.

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Das Touchdisplay des Renault Clio R.S. arbeitet umso träger, je kälter die Außentemperatur. Für die Navigation gibt es (wohl R.S.-typisch) keine Info zwischen den Tachoblättern, was gelegentlich zur Ablenkung führt. Sollte man doch einmal mit Tempo 200 die BAB unsicher machen wollen, übersteigen die Windgeräusche leider auch die qualitativ vertretbare Musiklautstärke – hier hätten wir vom Sounderlebnis einfach mehr erwartet.

Die Multifunktionseinheit am Lenkrad lässt prinzipiell eine gute Steuerung von CD, Radio und Musikwiedergabe vom USB-Stick zu, das System reagiert je nach Tageslaune aber erst nach einigen Sekunden. Zu allem Überfluss verließ uns zum Ende der Testphase auch noch das Navigationssystem aus heiterem Himmel, auch ein (mehrfacher) Reset blieb erfolglos.

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Somit bleibt der Renault Clio R.S. ein sehr sportiv ausgelegtes Kompaktmonster, das sich auf Rennstrecken wie in freier Wildbahn unter Gleichgesinnten sichtlich wohlfühlt. Im Alltag stellt er ebenfalls einen treuen Begleiter dar, eine Einparkhilfe mit Rückfahrkamera bietet die ergänzende Umsicht beim Blick aus der knappen Heckscheibe. Wer im Bergland wohnt, wird sich zudem über die Anfahrhilfe und zügiges Vorankommen ohne spürbare Schaltunterbrechung freuen.

Auch im Platzangebot hat der Renault Clio gesund zugelegt und bringt bequem vier Insassen sowie Gepäck unter. Mit zwei zugedrückten Augen für das anfällige Multimediasystem und den schmerzhaften Preis von circa 27.000 Euro (für die Testausstattung) kann man ihn dennoch wärmstens empfehlen. Bei den veranschlagten 6,3 Litern Verbrauch sollte man aber gute zwei Zähler mehr einplanen – sicher ist sicher…

Fotocredit: Renault

Unser Hauptautor und Chefredakteur. Hat eine Schwäche für Hothatches, Audi RS-Modelle und sonstige V8-Boliden. Privat bleibt er bislang der Marke VW treu.

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